Klassismus Intersektional denken

Verschiedene Formen der strukturellen Diskriminierung sind oft miteinander verschränkt und verstärken sich gegenseitig

Von Friederike Kawlath, März 2020

Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder Position. Das Land Berlin hat einen Entwurf für das Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) auf den Weg gebracht, über das zur Zeit das Abgeordnetenhaus berät. Wenn das Gesetz inkraft tritt, ist es das erste seiner Art und hätte dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes des Bundes (AGG) voraus, dass es das Diskriminierungsmerkmal ’sozialer Status‘ anerkennt. Damit würde die Diskriminierung aufgrund des sozialen Status neben anderen Diskriminierungsgründen wie ethnische Herkunft, Geschlecht oder Behinderung stehen.

Diskriminierung richtet sich gegen Personen oder Gruppen, die marginalisiert werden. Diese Gruppen stellen meistens Minderheiten dar. Jedoch nicht in jedem Fall, wie Klassismus zeigt – hier ist es vielmehr die Mehrheit, die unterdrückt und benachteiligt ist. Auch im Fall Sexismus trifft die Definition von Unterdrückung von Minderheiten nicht zu. Daran lässt sich zeigen, dass es bei Diskriminierung und Unterdrückung nicht immer um Minderheiten geht, wohl aber immer um die Verteilung von Machtverhältnissen. Klassismus ist eine Form der Diskriminierung die oft intersektional, also in Verschränkung mit anderen Diskriminierungsformen auftritt. Der jeweils andere Diskriminierungsgrund wird damit verstärkt.

Zum Beispiel sind Frauen*, People of Colour oder Menschen mit Behinderung oft neben Sexismus, Rassismus und Ableismus, von Klassismus betroffen. Durch die Marginalisierung von von Rassismus und anderen menschenverachtenden Anschauungen Betroffenen steigt die Wahrscheinlichkeit, auch von Klassismus betroffen zu sein. Genau wie andersherum auch die Wahrscheinlichkeit, unter rassistischer, sexistischer oder ableistischer Benachteiligung auf der Handlungsebene betroffen zu sein, sich verstärkt, wenn die betroffene Person auch von Klassismus betroffen ist.

Wenn ich eine Behinderung habe, die mich daran hindert, meinen Lebensunterhalt zu erarbeiten, und gleichzeitig weder finanziell noch durch ein gut funktionierendes soziales Netzwerk unterstützt werde, ist die Wahrscheinlichkeit, einer sinkenden Lebensqualität ungleich höher, als wenn meine Familie oder Freunde mich finanziell unterstützen, mich mit ins Theater nehmen oder zu Veranstaltungen begleiten, die mir meine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Auch rassistische Diskriminierungen wirken sich enorm stärker aus, wenn ich über wenig formale Bildung und soziale Kontakte, wenig Unterstützung erfahre und zum Beispiel auf staatliche Hilfen und den freien Arbeits- oder Wohnungsmarkt angewiesen bin.

Die Intersektionalität ist also virulent. Das Zusammendenken der Diskriminierungsformen ist deshalb absolut zentral und hat zur Folge, dass es Bestrebungen geben muss, Klassismus auf einer übergeordneten Ebene – der Ebene der progressiven, emanzipativen politischen Kräfte – in globalen Zusammenhängen, zu denken und umzusetzen. Als Kampf, der von denjenigen unter den herrschenden Machtverhältnissen leidenden, zusammen ausgefochten werden muss.

Klassismus nimmt im Gegensatz zu anderen Diskriminierungsformen jedoch noch weniger Raum im öffentlichen Diskurs ein. Es ist deshalb nötig, für diese Art der Diskriminierung zu sensibilisieren und ein Bewusstsein zu schaffen in der Gesellschaft. Es gibt zur Zeit Anzeichen für einen Aufschwung, einen Relaunch oder sogar auf dieser weitergedachten Ebene einen Launch für Klassismus. Das vor einigen Wochen erschienene Buch von Christian Baron, bei dessen Buchprämiere in der Volksbühne in Berlin eine langen

Schlange von Menschen an der Abendkasse wegen eines ausverkauften Hauses weggeschickt werden musste, verstärkte mir diesen Eindruck. „Das Thema scheint einen Nerv zu treffen“ sagte die Moderatorin bei der Einführung des Buches. Abgesehen vom wissenschaftlichen Diskurs, in dem das Thema bisher wenig Beachtung verbucht, finden sich auch in der deutschsprachigen Literatur bisher sehr wenige Beispiele für eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Vor allem auf der Erfahrungsebene. Dies weist nicht nur darauf hin dass das Thema bisher „wenig bekannt ist“ sondern vielmehr ist es ein Anzeichen dafür, dass es an öffentlichem Diskurs mangelt, dass Menschen, die davon betroffen sind, sich bisher kaum mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit getraut haben. Denn die Stigmatisierung, die aufgrund dieser Zuschreibungen erfolgt, ruft oft Scham hervor.
Bereits im Nationalsozialismus waren sogenannte „Asoziale und Berufsverbrecher“ Opfer der Menschenverachtenden Ideologie und in Konzentrationslagern inhaftiert. Erst im Februar diesen Jahres wurde diese Gruppe als Opfer des Nationalsozialismus offiziell anerkannt – ein bahnbrechendes Zeichen für die lange verschwiegene Diskriminierung und ein weiterer lange überfälliger Schritt für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen.
Auch vor diesem Hintergrund ist es Anliegen aufkommender Klassismus-Forscher*innen, das Thema ins Bewusstsein der Menschen zu holen.

Zwischen Betroffenheit und Privilegien

Von Klassismus betroffen ist denn manchmal eben auch der ‚alte weiße Mann’, der zum Symbolbild der patriarchalen, hegemonialen Macht geworden ist und von Linken und Feminist*innen gerne undifferenziert als die Wurzel allen Übels hingestellt wird. So viel Wahrheit da drin steckt, so wenig hilft es oft weiter.

Es ist durch zahlreiche Studien zur Genüge dargelegt, dass Deutschland eine enorm hohe Selektionsrate im Schulsystem aufweist. Der Aufstieg auf der sozialen Leiter durch das „durchlässige Schulsystem“ ist nur auf dem Papier gegeben. Und die schulische Selektion ist nur ein Beispiel aus unzähligen, oft undurchschaubaren Hürden, die zu überwinden nur mit ausreichendem Kapital möglich ist. Damit ist nun nicht nur das Geld auf dem Konto (der Eltern, Großeltern und Patentanten) gemeint. Sondern auch, welche Gespräche am Mittagstisch geführt werden; ob die Eltern die Kinder am Samstag ins Theater schleppen oder zum Familienwochenende in den Kaufpark; und, ob die Patentante das Praktikum im Investmentbereich der Deutschen Bank arrangiert oder beim Kosmetikstudio nebenan. Dieses soziale und kulturelle Kapital, um Pierre Bourdieu zu bemühen, der dieser Debatte nicht nur begrifflich eine Basis gibt, ist neben dem ökonomischen Kapital ausschlaggebend für schulischen und beruflichen Erfolg und Teilhabe an der Gesellschaft. Durch klassistische Diskriminierung und hegemonial geprägte Wissensvermittlung wird in der Schule und in vielen anderen Bildungsinstitutionen der nachträgliche Erwerb dieses Kapitals nicht nur nicht gefördert sondern weitgehend verhindert, da der Zugang durch die sogenannte ‚gläserne Decke‘ verwehrt wird. Wer nicht den erwarteten und verlangten Habitus mitbringt, wird benachteiligt und so reproduziert sich die Klasse.

Der Münsterer Soziologe Andreas Kemper wird dazu in der taz zitiert (taz 4/18), dass man sich nicht wundern brauche, wenn „…weiße, heterosexuelle Schüler ohne Migrationshintergrund, die ständig aufgrund ihrer sozialen Herkunft diskriminiert werden…“, gereizt reagieren, „…wenn sie aufgefordert werden, nicht rassistisch, homophob, sexistisch zu sein.“

Sofort gehen bei mir die Alarmglocken an, wenn ich solche Aussagen höre. Diese vermeintliche Opferinszenierung anzuerkennen fällt mir schwer, wenn ich „die alten weißen Männer“ höre, wie sie sich darüber beschweren, dass „auch sie schon mal benachteiligt und schlecht behandelt“ wurden. Dass in den letzten Jahren so viel

diskutierte „sich abgehängt fühlen“ wird dann auch gerne so begründet und als Rechtfertigung missbraucht, das Kreuz bei einer rechtsextremen Partei zu setzen.
Nur weil es mich so empört, ist es aber nicht damit getan, die Tatsache, dass es diesen Diskurs gibt, dass das ganz real passiert, dass rechte Parteien deshalb Zulauf erleben, einfach zu ignorieren.

Diese Erfahrung musste ich erst letztens in einem Seminar machen, das ich im Rahmen einer informellen Bildungseinrichtung gab. Das Thema der fünftägigen Veranstaltung mit Erzieher*innen in der Quereinstiegs-Ausbildung war ‚Fake News und Hatespeech‘. Die Gruppe bestand überwiegend aus weißen Personen.

Hatespeech ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Netz, hatte ich an Tag Zwei erklärt. Nicht gleichzusetzen mit Mobbing. Denn das kann ja alle treffen. Hatespeech aber bezieht sich nur auf diejenigen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind – zum Beispiel von Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus.

Die Stimmung war schlecht. Von Anfang an. „Was hat das alles mit mir zu tun? Ich interessier mich eigentlich nicht so für Politik. Warum dürfen wir nicht über das Mobbing von Pascal sprechen, der Kevin in der Klassen What’s App Gruppe einen Hurensohn und Asozialen genannt hat?“ Die Erklärung meines Co-Dozenten, die die Worte „alte weiße Männer“ beinhaltete, konnte einige der Anwesenden nicht dazu bewegen, weiter konstruktiv am Seminargeschehen teilzunehmen.
Und zu guter Letzt platzte es heraus, ein Teilnehmer hielt sich an seinem Stuhl fest, um nicht vor herausplatzender Wut von diesem abzuheben: „Ich bin auch ein weißer Mann und ich wurde auch schon schlecht behandelt und benachteiligt!“

Nun können wir als aufgeklärte, emanzipatorische linke politische Bildnerinnen, die wir uns seit Jahrzehnten Büchern und Diskussionen über diese Themen unterziehen und aufgrund unseres Student*innendaseins und unseres Jobs (nicht 40 Stunden Akkord am Fließband oder 100 Kilo schwere Türen in den 3. Stock schleppen) außerdem viel Zeit dafür haben, uns immer wieder damit zu beschäftigen und unsere Think Tanks in unserem Sozialen Netzwerk pflegen, damit ansetzten, dass er da was nicht richtig verstanden hat. Dass es nicht darum geht, „auch mal schlecht behandelt“, ausgelacht, gemobbt oder bei der Wunscharbeitsstelle nicht eingestellt worden zu sein. Dass es nich darum geht, individuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Sondern dass es darum geht, zu einer Gruppe zu gehören, die durch die herrschenden patriarchalen, post- und neokolonialen und kapitalistischen Verhältnisse, in denen Ausbeutung und Ungleichheiten immanent sind, in unserer eurozentristischen Gesellschaft strukturell und systematisch unterdrückt und diskriminiert werden, wodurch die hegemonialen Machtverhältnisse konstituiert und stetig reproduziert werden.

Was haben wir damit gewonnen. „Ach so…ja okee…dann beschwere ich mich jetzt mal nicht mehr, eigentlich gehts mir ja tatsächlich ganz gut im Vergleich…“?
Wahrscheinlich nicht. Denn wir haben was vergessen.
Wahrscheinlich hat er mich nicht verstanden. Wahrscheinlich stimmt er mir nicht zu, auch wenn ich die Provokation des Fachwörterüberladenen Schachtelsatzes von oben runterbreche auf eine außerhalb der sozialwissenschaftlichen Fachsprache verständliche Ebene. Denn das ist ja möglich. Als Bildungsarbeiterin und zudem selbst aus einer „nicht- akademisch gebildeten“ Familie stammend wähne ich mich fähig, mich „verständlich für verschiedene Zielgruppen“ ausdrücken zu können.

Doch damit ist es nicht getan. Denn was wir vergessen haben ist nicht bloß, uns ohne unseren akademischen Habitus sprachlich auszudrücken. Was wir vergessen haben ist auch, dass es durchaus möglich ist, dass der eine oder andere weiße heterosexuelle cis- Mann ohne Migrationsgeschichte vielleicht doch auch strukturelle Diskriminierung erlebt hat. Und zwar Klassistische.

Wenn ich in einer Umgebung aufwachse, in der es wenig ökonomisches, kulturelles oder soziales Kapital im Sinne Bourdieus gibt, wenn ich das Gefühl habe, trotz maximaler Anstrengung nicht weiter zu kommen, wenn ich im Plattenbau am Stadtrand leben muss und die Hipster Cafés in Berlin Mitte nur von außen kenne, wenn ich wegen meines Dialektes belächelt werde, von meinem Lehrer gesagt kriege, ich solle mal lieber die Kfz- Mechatroniker Ausbildung machen statt zu studieren, wenn ich den ganzen Tag für Geld was dann doch nicht reicht schuften muss und wenn ich mir angucken muss, wie andere das scheinbar (oder tatsächlich) mühelos schaffen – kurz: wenn ich ausgebeutet werde und nicht teilhaben kann am Wohlstand der Gesellschaft, in der ich lebe, dann fällt es mir vielleicht schwerer, Diskriminierungen von Dritten gegenüberzutreten.

Wie gesagt wird das Gefühl der Unrechtbehandlung und des „abgehängt-Werdens“ nun aber auch gerne als Ausrede für rechte und rassistische Einstellungen – und Handlungen – missbraucht. Wie also damit umgehen?
Die Konsequenz daraus, alle Wähler*innen von rechten Parteien als nationalistisch, rassistisch – und vor allem in diesen Einstellungen unbekehrbar – zu verstehen, wäre ein Rückzug auf sich selbst und die eigene Weltsicht, auf den eigenen Kreis von Menschen, mit denen man Werte und Einstellungen teilt. Letztendlich wäre die Folge eine Resignation vor rechtem Gedankengut und emanzipatorische politische Bildung würde obsolet.

Wenn das also nicht die Lösung sein kann, braucht es andere Strategien.
Es versteht sich von selbst, dass Ausgrenzung mit Ausgrenzung zu begegnen, sinnlos ist. Wenn die Linke sich selbst als zu elitär rügt, ihre fehlende Nähe zu bestimmten Bevölkerungsschichten damit begründet, sich zu weit entfernt zu haben von der Lebensrealität der Arbeiter*innen, dann muss sie die Differenz im Auge haben zwischen der Art und Weise, wie sie ihre Inhalte vermitteln will und dem Inhalt an sich. Denn die Inhalte haben sich bezogen auf die Sozialpolitik und auf die Position zu den Arbeiter*innenkämpfen nicht groß verändert. Die (radikale) Linke hat lediglich die Konsequenz aus der sich verändernden Zusammensetzung der Gesellschaft gezogen und sich bezüglich Gleichheitsansprüchen und dem Einsatz für Schwächere und Minderheiten, weiterentwickelt. Das hat zur Folge, dass mehr Menschen mitgedacht werden, wenn der „Kampf von Unten“ gefochten werden soll. Paradoxerweise wird dieser Anspruch an weitergedachte, universelle Gleichheit, wie sie von vielen Linken heute verstanden wird, oft als elitär verstanden.
Die extreme Rechte kann hier hervorragend anknüpfen und ihre vermeintliche „Nähe zum Volk“ demonstrieren, indem sie reaktionär einfach ignoriert, dass die Verhältnisse komplexer geworden sind. Sie sind schwerer durchschaubar und werden bisweilen als fremd und damit als angsteinflößend abgelehnt. Je komplexer die Verhältnisse, desto schwerer sind sie zu verstehen. Und Unverständliches ist angsteinflößend.
Sich von ihrem „elitären“ Programm zu distanzieren, darf deshalb nicht bedeuten, sich auf Forderungen der Rechten einzulassen, die genau diese rassistischen, fremdenfeindlichen Ressentiments und Ängste bedienen.
Die Herausforderung besteht indes darin, die verschiedenen Formen der strukturellen Diskriminierung nicht gegeneinander auszuspielen – sondern sie zusammenzudenken. Es geht um Unterdrückung und einseitige und konzentrierte Machtverhältnisse. Die Herausforderung für die progressiven und emanzipativen sozialen Bewegungen besteht darin, ein gemeinsames Interesse der unter den ausbeuterischen und diskriminierenden Verhältnissen Leidenden, herauszubilden.
Antiklassismus kann hier der Kleister sein, der den Kampf gegen die kapitalistischen, Ausbeutung konstituierenden Verhältnisse zusammenhält.

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