Klassismus im Nationalsozialismus

Am 18. April 2020 jährt sich die Befreiung des Jugend-KZ und späteren Vernichtungsortes Uckermark zum 75. Mal – wir gedenken den Opfern des faschistischen Terrors. Die Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V. hat hierfür einen Podcast gemacht und ruft auf ihrer Webseite zu einer Mitmach- und Mitplakatier-Gedenkaktion auf. Wir solidarisieren uns mit dem Aufruf und freuen uns sehr, wenn du die Aktion unterstützt. Nie wieder Faschismus! Gegen jeden Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Klassismus!

Zwischen 1933 und 1945 wurden mehrere zehntausend als “Asoziale” und “Berufsverbrecher*innen” diskriminierte Menschen durch Kriminalpolizei oder GeStaPo in die Konzentrationslager eingewiesen. Erst im Feburar 2020 hat der Bundestag beschlossen, auch diese Gruppen als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Die von den Nazis als „Asoziale“ diskriminierten Menschen (z. B. Obdachlose, Wanderarbeiter, Bettler, „Arbeitsscheue“ oder „Landstreicher“) wurden als „Ballastexistenzen“ bezeichnet. In den KZ wurden sie durch ein schwarzes Stoffdreieck (den „Winkel“) auf der linken Brustseite der Häftlingskleidung gekennzeichnet. Sie sollten aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Mit einem grünen Winkel wurden solche Häftlinge gekennzeichnet, die von der Kriminalpolizei zu „Berufsverbrecherinnen“ und „Berufsverbrechern“ erklärt wurden. In den Augen der Nazis waren das Menschen, die durch vergangene Haftstrafen (z. B. wegen Diebstahls, Einbruchs, Abtreibung oder – tatsächlicher oder vermuteter – Zuhälterei, Prostitution oder auch in einigen Fällen wegen Gewaltdelikten) „bewiesen“ hätten, dass sie einen inneren Drang zu kriminellen Taten verspürten und nicht wieder in die Freiheit und somit zurück in die Gesellschaft entlassen werden dürften. Straftaten zu begehen, wurde ihnen als charakterliche Eigenart oder angeblicher Beruf zugeschrieben. Sie wurden nach Verbüßung ihrer Strafhaft gegriffen, ohne weiteres Strafverfahren in die KZ gebracht. Tausende wurden ermordet.

Die sozialbiologisch motivierte Verfolgung hielt auch nach 1945 noch an. „Asoziale“ wurden noch bis weit nach Kriegsende „verwahrt“. Und auch heute ist der Begriff trotz dieser Vorgeschichte oft in unserem Sprachgebrauch. Das ist Klassismus! Wir müssen jede Lektion aus der NS-Zeit lernen. Die Betroffenen mit dem grünen und dem schwarzen Winkel haben die diskriminierenden Zuschreibungen häufig verinnerlicht, haben so gut wie keine Lebenserinnerungen verfasst und oft selbst in den Familien geschwiegen. Die beiden Opfergruppen haben bis heute keine Interessengruppen gebildet, keine Forderungen gestellt. Auch die wissenschaftliche Forschung hat sich jahrzehntelang nicht um sie gekümmert. All das hat mit Klassimus zu tun und deswegen ist es heute so wichtig, sich gegen Klassismus zu organisieren. Wir sind es den Opfern schuldig.

Dass die Anerkennung als Opfer durch den Bundestag überhaupt zustande kam, geht auf eine Petition von Frank Nonnenmacher zurück. Der Text auf dieser Seite ist dieser Petition entnommen.

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