Leopold! Wo hast du Ina gelassen?!

Die nationale Akademie der Wissenschaften verkörpert und verteidigt mit ihren Statements soziale Ungleichheiten

Von Friederike Kawlath

Die Entscheidungen wer für die aktuelle Corona Krise zahlt und, wer am meisten verzichtet, werden in unserer Gesellschaft von Menschen getroffen, die eine machtvolle und privilegierte Position haben. Ihre Sichtweisen sind deshalb nicht sehr vielfältig. Sie können sich nicht gut hineinversetzen in die Situation von Menschen, die benachteiligt sind. Wer sind diese Menschen, die die Entscheidungen für so viele treffen?

Die ‚Leopoldina‘ ist die nationale Akademie der Wissenschaften. Sie hat Stellungnahmen veröffentlicht, in denen sie Möglichkeiten vorschlägt, wie die Corona Krise bezahlt werden könnte.
Zur Zeit bezahlt der Staat sehr viel von dem, was private Unternehmen nicht mehr zahlen können. Zum Beispiel die Löhne der Arbeitnehmer*innen. Die Arbeitgeber*innen, die ihren Angestellten die Löhne nicht mehr zahlen können, weil sie keine Einnahmen mehr haben, werden jetzt unterstützt. Der Staat zahlt zu 60% das Gehalt der Mitarbeiter*innen. Die Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeiter*innen also gar nichts mehr zahlen. Das ist das sogenannte Kurzarbeitergeld. Aber nicht nur das Kurzarbeitergeld fällt hier schwer ins Gewicht, sondern auch die Hilfen für Selbständige und für Banken und große Kredite für Unternehmen. Dafür muss der Staat gerade sehr viel Geld zur Verfügung stellen und auch neue Schulden aufnehmen, damit die Wirtschaft nicht zusammenbricht.

Aber wo kommt dieses Geld her? Und wie sollen die Schulden zurückbezahlt werden? Darüber wird jetzt viel diskutiert. Denn es gibt viele und sehr unterschiedliche Möglichkeiten, wie dies geschehen kann. Fragen sind zum Beispiel, wie dieses Geld wieder zurück in die Staatskassen fließen kann und außerdem, wie die Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann. Erstens heißt das, der Staat muss sparen. Und hier gibt es natürlich viele Möglichkeiten, wie das vonstatten gehen kann. Das meiste Geld erhält der Staat durch die Lohnsteuer, die (fast) alle zahlen, die Geld verdienen. Und je mehr eine Person verdient, desto mehr Steuern muss sie zahlen. Nicht nur Prozentual an ihrem Gehalt gerechnet, sondern der Steuersatz steigt auch mit steigendem Einkommen. Das finden viele die mehr verdienen ungerecht, weil sie meinen, sie würden in verantwortungsvolleren und schwierigeren Jobs arbeiten, sie hätten längere Ausbildungszeiten – ohne Bezahlung – auf sich genommen und sie hätten sich in ihrem Leben sehr angestrengt, um dieses Ziel zu erreichen. Deshalb wäre es gerecht, dass sie auch mehr verdienen – und ungerecht, dass sie mehr Steuern zahlen. Weil sie damit ja auch diejenigen ‚mitfinanzieren‘ würden, die weniger verdienen. Die die weniger Einkommen haben, hätten auch nicht mehr verdient, so hört man oft, weil sie eben nicht so schwierige, verantwortungsvolle Jobs machen und weil sie dafür auch keine so lange und schwere Ausbildung machen mussten. Darüber kann man nun streiten, wieviel Gehalt für welchen Job ‚gerecht‘ ist. Und auch darüber, wie ‚schwierig‘ ein Job ist oder wie viel Verantwortung eine Person in ihrem Job übernimmt. Aber das ist noch ein anderes Thema.

Nun geht es aktuell in der Corona Krise darum, wer nach der Krise stärker belastet werden soll, also wer mehr zahlen soll, und auf mehr verzichten soll, um die Staatskassen wieder aufzufüllen.
Damit das alles nach der Krise so gut wie möglich klappt, also damit die Lasten, die aus der Krise entstehen, möglichst auf allen Schultern verteilt werden und nicht zu viele

Menschen in Armut leben und frustriert sind, versuchen Politiker*innen nun, Lösungen zu finden.
Die Wissenschaftler*innen der Leopoldina Akademie, die eine „… wichtige Expertise“ beim „Gespräch der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten“ darstelle und „eine zentrale Rolle spiele“, bei den Entscheidungen, die bezüglich der Maßnahmen gefällt werden, haben eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit dieser Frage befasst.

Diese Gruppe untersucht diese Frage mit psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Aspekten der Pandemie. Das heißt, sie guckt sich an, welche Auswirkungen die Krise und die Maßnahmen, die gerade bestehen, auf die Psyche der Menschen hat; auf das Soziale, also Beziehungen und Freundschaften, wie es ist für die Menschen, zu Hause zu sein, also wie groß die Wohnung ist, ob es einen Garten oder Balkon gibt, ob sich die Familienmitglieder gut verstehen oder viel streiten oder es sogar zu Gewalt in der Familie kommt. Sie achten außerdem auf Beziehungen zu anderen Menschen, was es für rechtliche Folgen gibt, also was erlaubt ist und wogegen evtl. Menschen klagen könnten; ob die Einschränkung der Grundrecht der Menschen verhältnismäßig ist; was es für Auswirkungen auf die Bildung und die Erziehung von Kindern und Jugendlichen gibt und zu guter Letzt, auf die wirtschaftlichen Aspekte – also wer verliert den Arbeitsplatz, wer bekommt weniger Geld, wer kann sich weniger leisten und wer wird am meisten unterstützt mit Hilfsgeldern – Und auch, wer verdient genauso viel wie sonst oder sogar mehr?

Dieser Gruppe gehörten (für die 3. Stellungnahme) 26 Personen an. Von diesen 26 sind 24 Männer. 2 von ihnen sind Frauen. Die Personen sind zwischen 51 und 79 Jahre alt. (Bei den ersten beiden Stellungnahmen war das Verhältnis Männer/Frauen: 14/5 bzw.17/4.) Zudem befindet sich unter den Personen niemand ohne Professorentitel und nur eine Person hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Das Alter der Personen liegt im Durchschnitt bei 64 Jahren. (funfact: das Alter aller Personen zusammengerechnet beträgt 1.654 Jahre.)

Das heißt, es besteht kaum Vielfalt in dieser Gruppe von Menschen. Sie sind sich alle sehr ähnlich. Vor allem darin, dass sie eine privilegierte Position in unserer Gesellschaft haben. Das heißt, sie haben mehr Vorteile und sind weniger benachteiligt, als viele andere Menschen. Das kommt dadurch, dass sie fast alle männlich sind, sie haben alle Professor*innentitel, sind also formal sehr gebildet und verdienen verhältnismäßig viel Geld. Sie haben also eine gute, angesehene Position in unserer Gesellschaft. Mit so einer guten Position in der Gesellschaft geht auch mehr Macht einher. Zum Beispiel die Macht darüber, Entscheidungen zu treffen.

Ihre Perspektive ist deshalb sehr einseitig. Sie können sich schlecht einfühlen in diejenigen Menschen, die ein anderes Leben führen – wie zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit 2 kleinen Kindern, die als Pflegerin im Krankenhaus arbeitet. Die Probleme, die diese Mutter jetzt gerade hat, können die Wissenschaftler*innen nur schwer nachvollziehen. Oder auch die Familie, die jetzt von 60% ihres Gehaltes leben muss. Wenn das Gehalt schon vorher gerade so gereicht hat, dann ist das unmöglich, davon zu leben. Wenn nur Menschen Entscheidungen treffen, die nicht wissen, wie es ist, nicht genug Geld für einen neuen Kühlschrank zu haben, von häuslicher Gewalt betroffen zu sein, sich nicht leisten zu können zu studieren oder aus einem Krieg geflohen zu sein, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Bedürfnisse all dieser Menschen berücksichtigt werden. Vielmehr ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass nur die Bedürfnisse von sehr wenigen berücksichtigt werden. Weil nur die wenigsten so viele Privilegien, also Vorteile, genießen wie diese Wissenschaftler*innen.

Zwar schreibt die Gruppe: zu den „…Risikogruppen gehören Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten ohne Sprachkenntnisse, alleinlebende Ältere, psychisch

Erkrankte, Pflegefälle und Arbeitslose.“ Und auch: „Solidarität drückt sich in der gemeinsamen Bereitschaft aus, Lasten zugunsten anderer (mit)zutragen.“ Und sie gehen darauf ein, dass Zum Beispiel die Schulen schnell wieder öffnen sollen, da es für manche Schüler’*innen einen Nachteil bedeute, von zu Hause zu lernen, weil sie zum Beispiel keinen eigenen Computer haben oder kein eigenes Zimmer mit Ruhe zum Lernen oder die Eltern nicht helfen können.
Und sie schreiben sogar, dass „einige gesellschaftliche Gruppen besonders vulnerabel (also verletzlich) sind, unter anderem weil sie über weniger Macht oder Ressourcen verfügen, um sich am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen und ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen.“ Das heißt, es ist den Wissenschaftler*innen bewusst, dass manche Menschen nicht die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen und, dass ihnen meistens gar nicht zugehört wird.

Sie schreiben in ihrem Statement also zwar von Solidarität und von der Verschärfung von sozialen Ungleichheiten der entgegengewirkt werden müsse. Das klingt dann eigentlich ganz gut. Es sieht so aus, als würden sie wirklich mehr Gerechtigkeit fordern.
Wenn man dann aber liest, was sie konkret vorschlagen, verändert sich dieser Eindruck.

Eine der Maßnahmen, die sich die Wissenschaftler*innen überlegt haben, ist zum Beispiel die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlages (Soli). In den letzten Jahren war immer wieder im Gespräch, diesen ganz oder teilweise abzuschaffen, weil gesagt wird, die Bundesländer der ehemaligen DDR würden das nicht mehr benötigen. Ein Vorschlag war zum Beispiel auch, den Soli nur für untere Gehaltsklassen abzuschaffen. Die Reicheren hätten ihn dann also noch zahlen müssen.

Eine komplette Abschaffung bedeutet nun, dass Menschen mit wenig Einkommen davon gar nicht oder nur sehr wenig betroffen sind (das heißt, sie würden fast nichts sparen) wohingegen Gutverdienende viel sparen würden, weil sie zur Zeit noch recht viel für den Soli im Monat zahlen. Zum Vergleich: Bei einem Bruttoeinkommen von 1900 € muss man 8€ Soli zahlen. Bei einem Bruttoeinkommen von 7701 € zahlt man 117€ Soli im Monat. Das heißt, diejenigen, die viel Einkommen haben, sparen mit dieser Maßnahme auch viel.

Zudem empfehlen sie kurz-, mittel- und langfristig Steuersenkungen, Hilfen für Unternehmen (kurzfristig), den Rückzug des Staates aus den Unternehmen (mittelfristig, falls kurzfristig geschehen) und die Schuldenbremse aufrecht zu erhalten.
Bei den Steuersenkungen ist es genau so, wie bei dem Soli: wer viel verdient, spart viel. Wobei Menschen, die sehr wenig verdienen, am Ende des Monats nur sehr wenig – und manche sogar gar nichts – sparen.
Keine Vorschläge machen sie hingegen dazu, wie Arbeiter*innen und Geringverdienende, bei denen das Geld, vor allem jetzt in der Corona Krise, kaum zum Leben reicht, finanziell unterstützt werden sollen, zum Beispiel die Aufstockung von Kurzarbeitergeld, Tarifverhandlungen für Pflegekräfte und andere sogenannte „systemrelevante Berufe“, gerechtere Vermögens- und Lohnverteilung und Steuererhöhungen oder einmalige Abgaben für Millionäre und Milliardäre.

Zum Beispiel schreiben sie wie oben bereits erwähnt: „Solidarität drückt sich in der gemeinsamen Bereitschaft aus, Lasten zugunsten anderer (mit)zutragen.“
Aber was heißt das für sie? Wenn Kinder nicht gut von zu Hause lernen können, weil sie keine guten Geräte dafür haben, könnte eine Maßnahme zum Beispiel sein, diese Geräte für alle bedürftigen Schüler*innen zu bezahlen. Das passiert aber nicht. Im Gespräch sind statt dessen einmalig 150€ Zuschuss für jedes Kind. Dafür kann man keinen Computer kaufen.
Und auch das Kurzarbeitergeld, das bei 60-67% liegt, reicht für diejenigen nicht, die wenig

verdienen. Dieses soll jetzt erhöht werden: 70-77% ab dem 4. Monat, 80-87% ab dem 7. Monat. Diese Maßnahme dürfte bei vielen getrost als ein Tropfen auf den heißen Stein bezeichnet werden können. Denn wer schon bei 100% seines Gehaltes nichts sparen kann oder sogar mit ALGII aufstocken muss, kann auch von 87% einfach nicht leben.
Auf der anderen Seite gibt es diejenigen mit einem hohen Einkommen, die oft zum Beispiel auch keine Miete zahlen müssen, weil sie eine Eigentumswohnung besitzen oder die Häuser besitzen und Mieten einnehmen. Diese Menschen können meistens Geld sparen. Und wenn sie nun zum Beispiel ein paar Monate weniger verdienen, so können sie von diesem Ersparten leben – oder von den Mieteinnahmen, die sie von denjenigen bekommen, denen es gerade schwer fällt, ihre Miete noch zu zahlen.

Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen. Letztendlich laufen alle Maßnahmen darauf hinaus, dass diejenigen am Meisten profitieren, die auch in Nicht-Krisen Zeiten am Besten für ihre eigenen Interessen einstehen können. Weil sie mehr Macht haben und eine Stimme, die gehört wird.

Die Wissenschaftler*innen von der nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina wollen so schnell wie möglich zurück zur Normalität. Zu der Normalität, in der die vermögende Klasse ihren Reichtum täglich potenziert, während ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung sich jeden Tag fragt, wie er mit dem Geld auf seinem Konto die neue Waschmaschine bezahlen soll und Menschen an den EU-Außengrenzen in menschenverachtenden Verhältnissen verharren.

Klassismus Intersektional denken

Verschiedene Formen der strukturellen Diskriminierung sind oft miteinander verschränkt und verstärken sich gegenseitig

Von Friederike Kawlath, März 2020

Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder Position. Das Land Berlin hat einen Entwurf für das Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) auf den Weg gebracht, über das zur Zeit das Abgeordnetenhaus berät. Wenn das Gesetz inkraft tritt, ist es das erste seiner Art und hätte dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes des Bundes (AGG) voraus, dass es das Diskriminierungsmerkmal ’sozialer Status‘ anerkennt. Damit würde die Diskriminierung aufgrund des sozialen Status neben anderen Diskriminierungsgründen wie ethnische Herkunft, Geschlecht oder Behinderung stehen.

Diskriminierung richtet sich gegen Personen oder Gruppen, die marginalisiert werden. Diese Gruppen stellen meistens Minderheiten dar. Jedoch nicht in jedem Fall, wie Klassismus zeigt – hier ist es vielmehr die Mehrheit, die unterdrückt und benachteiligt ist. Auch im Fall Sexismus trifft die Definition von Unterdrückung von Minderheiten nicht zu. Daran lässt sich zeigen, dass es bei Diskriminierung und Unterdrückung nicht immer um Minderheiten geht, wohl aber immer um die Verteilung von Machtverhältnissen. Klassismus ist eine Form der Diskriminierung die oft intersektional, also in Verschränkung mit anderen Diskriminierungsformen auftritt. Der jeweils andere Diskriminierungsgrund wird damit verstärkt.

Zum Beispiel sind Frauen*, People of Colour oder Menschen mit Behinderung oft neben Sexismus, Rassismus und Ableismus, von Klassismus betroffen. Durch die Marginalisierung von von Rassismus und anderen menschenverachtenden Anschauungen Betroffenen steigt die Wahrscheinlichkeit, auch von Klassismus betroffen zu sein. Genau wie andersherum auch die Wahrscheinlichkeit, unter rassistischer, sexistischer oder ableistischer Benachteiligung auf der Handlungsebene betroffen zu sein, sich verstärkt, wenn die betroffene Person auch von Klassismus betroffen ist.

Wenn ich eine Behinderung habe, die mich daran hindert, meinen Lebensunterhalt zu erarbeiten, und gleichzeitig weder finanziell noch durch ein gut funktionierendes soziales Netzwerk unterstützt werde, ist die Wahrscheinlichkeit, einer sinkenden Lebensqualität ungleich höher, als wenn meine Familie oder Freunde mich finanziell unterstützen, mich mit ins Theater nehmen oder zu Veranstaltungen begleiten, die mir meine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Auch rassistische Diskriminierungen wirken sich enorm stärker aus, wenn ich über wenig formale Bildung und soziale Kontakte, wenig Unterstützung erfahre und zum Beispiel auf staatliche Hilfen und den freien Arbeits- oder Wohnungsmarkt angewiesen bin.

Die Intersektionalität ist also virulent. Das Zusammendenken der Diskriminierungsformen ist deshalb absolut zentral und hat zur Folge, dass es Bestrebungen geben muss, Klassismus auf einer übergeordneten Ebene – der Ebene der progressiven, emanzipativen politischen Kräfte – in globalen Zusammenhängen, zu denken und umzusetzen. Als Kampf, der von denjenigen unter den herrschenden Machtverhältnissen leidenden, zusammen ausgefochten werden muss.

Klassismus nimmt im Gegensatz zu anderen Diskriminierungsformen jedoch noch weniger Raum im öffentlichen Diskurs ein. Es ist deshalb nötig, für diese Art der Diskriminierung zu sensibilisieren und ein Bewusstsein zu schaffen in der Gesellschaft. Es gibt zur Zeit Anzeichen für einen Aufschwung, einen Relaunch oder sogar auf dieser weitergedachten Ebene einen Launch für Klassismus. Das vor einigen Wochen erschienene Buch von Christian Baron, bei dessen Buchprämiere in der Volksbühne in Berlin eine langen

Schlange von Menschen an der Abendkasse wegen eines ausverkauften Hauses weggeschickt werden musste, verstärkte mir diesen Eindruck. „Das Thema scheint einen Nerv zu treffen“ sagte die Moderatorin bei der Einführung des Buches. Abgesehen vom wissenschaftlichen Diskurs, in dem das Thema bisher wenig Beachtung verbucht, finden sich auch in der deutschsprachigen Literatur bisher sehr wenige Beispiele für eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Vor allem auf der Erfahrungsebene. Dies weist nicht nur darauf hin dass das Thema bisher „wenig bekannt ist“ sondern vielmehr ist es ein Anzeichen dafür, dass es an öffentlichem Diskurs mangelt, dass Menschen, die davon betroffen sind, sich bisher kaum mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit getraut haben. Denn die Stigmatisierung, die aufgrund dieser Zuschreibungen erfolgt, ruft oft Scham hervor.
Bereits im Nationalsozialismus waren sogenannte „Asoziale und Berufsverbrecher“ Opfer der Menschenverachtenden Ideologie und in Konzentrationslagern inhaftiert. Erst im Februar diesen Jahres wurde diese Gruppe als Opfer des Nationalsozialismus offiziell anerkannt – ein bahnbrechendes Zeichen für die lange verschwiegene Diskriminierung und ein weiterer lange überfälliger Schritt für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen.
Auch vor diesem Hintergrund ist es Anliegen aufkommender Klassismus-Forscher*innen, das Thema ins Bewusstsein der Menschen zu holen.

Zwischen Betroffenheit und Privilegien

Von Klassismus betroffen ist denn manchmal eben auch der ‚alte weiße Mann’, der zum Symbolbild der patriarchalen, hegemonialen Macht geworden ist und von Linken und Feminist*innen gerne undifferenziert als die Wurzel allen Übels hingestellt wird. So viel Wahrheit da drin steckt, so wenig hilft es oft weiter.

Es ist durch zahlreiche Studien zur Genüge dargelegt, dass Deutschland eine enorm hohe Selektionsrate im Schulsystem aufweist. Der Aufstieg auf der sozialen Leiter durch das „durchlässige Schulsystem“ ist nur auf dem Papier gegeben. Und die schulische Selektion ist nur ein Beispiel aus unzähligen, oft undurchschaubaren Hürden, die zu überwinden nur mit ausreichendem Kapital möglich ist. Damit ist nun nicht nur das Geld auf dem Konto (der Eltern, Großeltern und Patentanten) gemeint. Sondern auch, welche Gespräche am Mittagstisch geführt werden; ob die Eltern die Kinder am Samstag ins Theater schleppen oder zum Familienwochenende in den Kaufpark; und, ob die Patentante das Praktikum im Investmentbereich der Deutschen Bank arrangiert oder beim Kosmetikstudio nebenan. Dieses soziale und kulturelle Kapital, um Pierre Bourdieu zu bemühen, der dieser Debatte nicht nur begrifflich eine Basis gibt, ist neben dem ökonomischen Kapital ausschlaggebend für schulischen und beruflichen Erfolg und Teilhabe an der Gesellschaft. Durch klassistische Diskriminierung und hegemonial geprägte Wissensvermittlung wird in der Schule und in vielen anderen Bildungsinstitutionen der nachträgliche Erwerb dieses Kapitals nicht nur nicht gefördert sondern weitgehend verhindert, da der Zugang durch die sogenannte ‚gläserne Decke‘ verwehrt wird. Wer nicht den erwarteten und verlangten Habitus mitbringt, wird benachteiligt und so reproduziert sich die Klasse.

Der Münsterer Soziologe Andreas Kemper wird dazu in der taz zitiert (taz 4/18), dass man sich nicht wundern brauche, wenn „…weiße, heterosexuelle Schüler ohne Migrationshintergrund, die ständig aufgrund ihrer sozialen Herkunft diskriminiert werden…“, gereizt reagieren, „…wenn sie aufgefordert werden, nicht rassistisch, homophob, sexistisch zu sein.“

Sofort gehen bei mir die Alarmglocken an, wenn ich solche Aussagen höre. Diese vermeintliche Opferinszenierung anzuerkennen fällt mir schwer, wenn ich „die alten weißen Männer“ höre, wie sie sich darüber beschweren, dass „auch sie schon mal benachteiligt und schlecht behandelt“ wurden. Dass in den letzten Jahren so viel

diskutierte „sich abgehängt fühlen“ wird dann auch gerne so begründet und als Rechtfertigung missbraucht, das Kreuz bei einer rechtsextremen Partei zu setzen.
Nur weil es mich so empört, ist es aber nicht damit getan, die Tatsache, dass es diesen Diskurs gibt, dass das ganz real passiert, dass rechte Parteien deshalb Zulauf erleben, einfach zu ignorieren.

Diese Erfahrung musste ich erst letztens in einem Seminar machen, das ich im Rahmen einer informellen Bildungseinrichtung gab. Das Thema der fünftägigen Veranstaltung mit Erzieher*innen in der Quereinstiegs-Ausbildung war ‚Fake News und Hatespeech‘. Die Gruppe bestand überwiegend aus weißen Personen.

Hatespeech ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Netz, hatte ich an Tag Zwei erklärt. Nicht gleichzusetzen mit Mobbing. Denn das kann ja alle treffen. Hatespeech aber bezieht sich nur auf diejenigen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind – zum Beispiel von Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus.

Die Stimmung war schlecht. Von Anfang an. „Was hat das alles mit mir zu tun? Ich interessier mich eigentlich nicht so für Politik. Warum dürfen wir nicht über das Mobbing von Pascal sprechen, der Kevin in der Klassen What’s App Gruppe einen Hurensohn und Asozialen genannt hat?“ Die Erklärung meines Co-Dozenten, die die Worte „alte weiße Männer“ beinhaltete, konnte einige der Anwesenden nicht dazu bewegen, weiter konstruktiv am Seminargeschehen teilzunehmen.
Und zu guter Letzt platzte es heraus, ein Teilnehmer hielt sich an seinem Stuhl fest, um nicht vor herausplatzender Wut von diesem abzuheben: „Ich bin auch ein weißer Mann und ich wurde auch schon schlecht behandelt und benachteiligt!“

Nun können wir als aufgeklärte, emanzipatorische linke politische Bildnerinnen, die wir uns seit Jahrzehnten Büchern und Diskussionen über diese Themen unterziehen und aufgrund unseres Student*innendaseins und unseres Jobs (nicht 40 Stunden Akkord am Fließband oder 100 Kilo schwere Türen in den 3. Stock schleppen) außerdem viel Zeit dafür haben, uns immer wieder damit zu beschäftigen und unsere Think Tanks in unserem Sozialen Netzwerk pflegen, damit ansetzten, dass er da was nicht richtig verstanden hat. Dass es nicht darum geht, „auch mal schlecht behandelt“, ausgelacht, gemobbt oder bei der Wunscharbeitsstelle nicht eingestellt worden zu sein. Dass es nich darum geht, individuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Sondern dass es darum geht, zu einer Gruppe zu gehören, die durch die herrschenden patriarchalen, post- und neokolonialen und kapitalistischen Verhältnisse, in denen Ausbeutung und Ungleichheiten immanent sind, in unserer eurozentristischen Gesellschaft strukturell und systematisch unterdrückt und diskriminiert werden, wodurch die hegemonialen Machtverhältnisse konstituiert und stetig reproduziert werden.

Was haben wir damit gewonnen. „Ach so…ja okee…dann beschwere ich mich jetzt mal nicht mehr, eigentlich gehts mir ja tatsächlich ganz gut im Vergleich…“?
Wahrscheinlich nicht. Denn wir haben was vergessen.
Wahrscheinlich hat er mich nicht verstanden. Wahrscheinlich stimmt er mir nicht zu, auch wenn ich die Provokation des Fachwörterüberladenen Schachtelsatzes von oben runterbreche auf eine außerhalb der sozialwissenschaftlichen Fachsprache verständliche Ebene. Denn das ist ja möglich. Als Bildungsarbeiterin und zudem selbst aus einer „nicht- akademisch gebildeten“ Familie stammend wähne ich mich fähig, mich „verständlich für verschiedene Zielgruppen“ ausdrücken zu können.

Doch damit ist es nicht getan. Denn was wir vergessen haben ist nicht bloß, uns ohne unseren akademischen Habitus sprachlich auszudrücken. Was wir vergessen haben ist auch, dass es durchaus möglich ist, dass der eine oder andere weiße heterosexuelle cis- Mann ohne Migrationsgeschichte vielleicht doch auch strukturelle Diskriminierung erlebt hat. Und zwar Klassistische.

Wenn ich in einer Umgebung aufwachse, in der es wenig ökonomisches, kulturelles oder soziales Kapital im Sinne Bourdieus gibt, wenn ich das Gefühl habe, trotz maximaler Anstrengung nicht weiter zu kommen, wenn ich im Plattenbau am Stadtrand leben muss und die Hipster Cafés in Berlin Mitte nur von außen kenne, wenn ich wegen meines Dialektes belächelt werde, von meinem Lehrer gesagt kriege, ich solle mal lieber die Kfz- Mechatroniker Ausbildung machen statt zu studieren, wenn ich den ganzen Tag für Geld was dann doch nicht reicht schuften muss und wenn ich mir angucken muss, wie andere das scheinbar (oder tatsächlich) mühelos schaffen – kurz: wenn ich ausgebeutet werde und nicht teilhaben kann am Wohlstand der Gesellschaft, in der ich lebe, dann fällt es mir vielleicht schwerer, Diskriminierungen von Dritten gegenüberzutreten.

Wie gesagt wird das Gefühl der Unrechtbehandlung und des „abgehängt-Werdens“ nun aber auch gerne als Ausrede für rechte und rassistische Einstellungen – und Handlungen – missbraucht. Wie also damit umgehen?
Die Konsequenz daraus, alle Wähler*innen von rechten Parteien als nationalistisch, rassistisch – und vor allem in diesen Einstellungen unbekehrbar – zu verstehen, wäre ein Rückzug auf sich selbst und die eigene Weltsicht, auf den eigenen Kreis von Menschen, mit denen man Werte und Einstellungen teilt. Letztendlich wäre die Folge eine Resignation vor rechtem Gedankengut und emanzipatorische politische Bildung würde obsolet.

Wenn das also nicht die Lösung sein kann, braucht es andere Strategien.
Es versteht sich von selbst, dass Ausgrenzung mit Ausgrenzung zu begegnen, sinnlos ist. Wenn die Linke sich selbst als zu elitär rügt, ihre fehlende Nähe zu bestimmten Bevölkerungsschichten damit begründet, sich zu weit entfernt zu haben von der Lebensrealität der Arbeiter*innen, dann muss sie die Differenz im Auge haben zwischen der Art und Weise, wie sie ihre Inhalte vermitteln will und dem Inhalt an sich. Denn die Inhalte haben sich bezogen auf die Sozialpolitik und auf die Position zu den Arbeiter*innenkämpfen nicht groß verändert. Die (radikale) Linke hat lediglich die Konsequenz aus der sich verändernden Zusammensetzung der Gesellschaft gezogen und sich bezüglich Gleichheitsansprüchen und dem Einsatz für Schwächere und Minderheiten, weiterentwickelt. Das hat zur Folge, dass mehr Menschen mitgedacht werden, wenn der „Kampf von Unten“ gefochten werden soll. Paradoxerweise wird dieser Anspruch an weitergedachte, universelle Gleichheit, wie sie von vielen Linken heute verstanden wird, oft als elitär verstanden.
Die extreme Rechte kann hier hervorragend anknüpfen und ihre vermeintliche „Nähe zum Volk“ demonstrieren, indem sie reaktionär einfach ignoriert, dass die Verhältnisse komplexer geworden sind. Sie sind schwerer durchschaubar und werden bisweilen als fremd und damit als angsteinflößend abgelehnt. Je komplexer die Verhältnisse, desto schwerer sind sie zu verstehen. Und Unverständliches ist angsteinflößend.
Sich von ihrem „elitären“ Programm zu distanzieren, darf deshalb nicht bedeuten, sich auf Forderungen der Rechten einzulassen, die genau diese rassistischen, fremdenfeindlichen Ressentiments und Ängste bedienen.
Die Herausforderung besteht indes darin, die verschiedenen Formen der strukturellen Diskriminierung nicht gegeneinander auszuspielen – sondern sie zusammenzudenken. Es geht um Unterdrückung und einseitige und konzentrierte Machtverhältnisse. Die Herausforderung für die progressiven und emanzipativen sozialen Bewegungen besteht darin, ein gemeinsames Interesse der unter den ausbeuterischen und diskriminierenden Verhältnissen Leidenden, herauszubilden.
Antiklassismus kann hier der Kleister sein, der den Kampf gegen die kapitalistischen, Ausbeutung konstituierenden Verhältnisse zusammenhält.