Offenes Neukölln 7. Juni 2020

Kreativer Klassenkampf – Offene Bühne zum Thema Klassismus

Auch wir sind dieses Jahr Teil vom Festival Offenes Neukölln (ONK)! Seit 2016 organisiert das Bündnis Neukölln jedes Jahr ein Wochende um öffentlichen Raum zurückerobern und ein Zeichen für ein offenes, solidarisches und vielfältiges Neukölln zu setzen.
In den letzten Jahren beteiligten sich rund 100 Initiativen mit spannenden Veranstaltungen rund um Kunst, Kultur und Politik um zu zeigen wie vielfältig, lebenswert und kämpferisch Neukölln ist. Mehr zum Festival findet ihr auf der Webseite.

Auch Corona soll dieses Jahr kein Grund darstellen um das ONK nicht stattfinden zu lassen. Deswegen wird es mit verschiedenen Formaten in den Digitalen Raum verlegt.
Wir laden ein, euch mit Geschriebenem, Musik, Performance oder womit auch immer auf einer offenen Bühne mit dem Thema Klassismus auseinanderzusetzen und dazu auszudrücken. Interessierte melden sich gerne vorab unter mail@kikk-bildungsban.de oder klettert spontan ins digitale Rampenlicht!

klassismus-tresen online am Freitag, 22.5., ab 20h

nach zwei Monaten Corona-Krise und ohne klassismus-tresen wagen wir uns mit einem Experiment in den digitalen Raum und laden euch herzlich zum klassismus-tresen #jetzterstrecht* ein – denn soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit wird in der Krise sichtbarer und verstärkt.
Die Idee hinter dem tresen ist, einen monatlichen Raum für Austausch und Vernetzung zu öffnen. Ihr wollt was los werden wollt oder anderen Erfahrungen lauschen? Ihr möchtet euch mit Klassismus beschäftigen oder Leute kennenlernen, die das tun? Ihr seid an politischer Bildung oder Organisierung rund um Klasse und Klassismus interessiert? Ihr wollt einfach nur vor eurem Bildschirm einen trinken? Dann schaltet euch gerne dazu!

Digitale Räume haben Nachteile, nicht alle haben die technischen Mittel dafür. Aber wir glauben auch, dass sie viele Vorteile mit sich bringen, zum Beispiel dass mensch nicht in einer Bar in Berlin – Neukölln sein muss. Wir freuen uns über Menschen, für die das eine Bar besuchen eine Barriere darstellt. Und wir freuen uns über Menschen, die an anderen Orten sind und dazustoßen!

Das haben wir uns überlegt:
Kommt nächsten Freitag, am 22. Mai, ab 20 Uhr in unsere Lobby (ein datenschutzsicherer BigBlueButton-Raum). Dafür benötigt ihr nur einen Browser wie Firefox, entweder auf einem Computer oder Handy.

Hier geht’s zur Lobby!

Der Raum ist offen, das heißt ihr könnt kommen und gehen wie ihr wollt. Von der Lobby aus kommt ihr in andere Räume, zum Beispiel an den Tresen, auf die gemütliche Couch oder an den Diskutier-Tisch. Ihr könnt euch zwischen diesen Räumen bewegen wie ihr wollt, je nach Stimmung. Macht es euch gemütlich und habt was leckeres zu Trinken parat wenn ihr möchtet.
Wir von kikk werden da sein, um bei technischen Problemen zu helfen. Wenn ihr Schwierigkeiten habt, in die Lobby zu kommen, schreibt uns eine Mail. Wenn ihr vorab Fragen oder Bedenken habt, kontaktiert uns sehr gern!

Wir wollen nicht nur sensibel für Klassismus sein, sondern alle menschenverachtenden Einstellungen haben bei uns keinen Platz und diskriminierendes Verhalten wird nicht toleriert. Wir von kikk werden ansprechbar sein, wenn ihr euch unwohl fühlt und persönliche Grenzen nicht eingehalten werden.

Wir freuen uns auf euch! Ladet gern Menschen ein und teilt diese Einladung – gern auch über Berlin hinaus.

*#jetzterstrecht ist eine Kampagne von Berliner Basisorganisationen, die gegen die Missstände, die durch Corona verschärft werden, kämpfen. Sie haben sich für akute Forderungen und Ideen solidarischen Handelns zusammengetan: jetzterstrecht.org

Klassismus im Nationalsozialismus

Am 18. April 2020 jährt sich die Befreiung des Jugend-KZ und späteren Vernichtungsortes Uckermark zum 75. Mal – wir gedenken den Opfern des faschistischen Terrors. Die Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V. hat hierfür einen Podcast gemacht und ruft auf ihrer Webseite zu einer Mitmach- und Mitplakatier-Gedenkaktion auf. Wir solidarisieren uns mit dem Aufruf und freuen uns sehr, wenn du die Aktion unterstützt. Nie wieder Faschismus! Gegen jeden Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Klassismus!

Zwischen 1933 und 1945 wurden mehrere zehntausend als “Asoziale” und “Berufsverbrecher*innen” diskriminierte Menschen durch Kriminalpolizei oder GeStaPo in die Konzentrationslager eingewiesen. Erst im Feburar 2020 hat der Bundestag beschlossen, auch diese Gruppen als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Die von den Nazis als „Asoziale“ diskriminierten Menschen (z. B. Obdachlose, Wanderarbeiter, Bettler, „Arbeitsscheue“ oder „Landstreicher“) wurden als „Ballastexistenzen“ bezeichnet. In den KZ wurden sie durch ein schwarzes Stoffdreieck (den „Winkel“) auf der linken Brustseite der Häftlingskleidung gekennzeichnet. Sie sollten aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Mit einem grünen Winkel wurden solche Häftlinge gekennzeichnet, die von der Kriminalpolizei zu „Berufsverbrecherinnen“ und „Berufsverbrechern“ erklärt wurden. In den Augen der Nazis waren das Menschen, die durch vergangene Haftstrafen (z. B. wegen Diebstahls, Einbruchs, Abtreibung oder – tatsächlicher oder vermuteter – Zuhälterei, Prostitution oder auch in einigen Fällen wegen Gewaltdelikten) „bewiesen“ hätten, dass sie einen inneren Drang zu kriminellen Taten verspürten und nicht wieder in die Freiheit und somit zurück in die Gesellschaft entlassen werden dürften. Straftaten zu begehen, wurde ihnen als charakterliche Eigenart oder angeblicher Beruf zugeschrieben. Sie wurden nach Verbüßung ihrer Strafhaft gegriffen, ohne weiteres Strafverfahren in die KZ gebracht. Tausende wurden ermordet.

Die sozialbiologisch motivierte Verfolgung hielt auch nach 1945 noch an. „Asoziale“ wurden noch bis weit nach Kriegsende „verwahrt“. Und auch heute ist der Begriff trotz dieser Vorgeschichte oft in unserem Sprachgebrauch. Das ist Klassismus! Wir müssen jede Lektion aus der NS-Zeit lernen. Die Betroffenen mit dem grünen und dem schwarzen Winkel haben die diskriminierenden Zuschreibungen häufig verinnerlicht, haben so gut wie keine Lebenserinnerungen verfasst und oft selbst in den Familien geschwiegen. Die beiden Opfergruppen haben bis heute keine Interessengruppen gebildet, keine Forderungen gestellt. Auch die wissenschaftliche Forschung hat sich jahrzehntelang nicht um sie gekümmert. All das hat mit Klassimus zu tun und deswegen ist es heute so wichtig, sich gegen Klassismus zu organisieren. Wir sind es den Opfern schuldig.

Dass die Anerkennung als Opfer durch den Bundestag überhaupt zustande kam, geht auf eine Petition von Frank Nonnenmacher zurück. Der Text auf dieser Seite ist dieser Petition entnommen.